Somatic Yoga einfach erklärt – was es ist, woher es kommt & warum es alles verändert
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Von Joëlle von Arx · JOVAYoga

„Somatic Yoga" – du hörst diesen Begriff immer öfter. In Yogastudios, auf Instagram, in Ausbildungsprogrammen. Aber was steckt wirklich dahinter? Ist es ein neuer Trend? Eine Modeerscheinung? Oder ist es das, was Yoga schon immer hätte sein sollen?
Ich unterrichte Somatic Yoga seit Jahren. Und ich glaube: Es ist kein Trend. Es ist eine Rückkehr.
Eine Rückkehr zu dem, was der Körper eigentlich weiss – wenn man ihm endlich zuhört.
Was bedeutet „somatisch" überhaupt?
Das Wort „somatisch" kommt aus dem Griechischen: soma bedeutet Körper. Aber nicht der Körper, der von aussen betrachtet und analysiert wird. Sondern der Körper, der von innen erlebt wird.
Der Philosoph und Bewegungsforscher Thomas Hanna prägte den Begriff „Soma" in den 1970er Jahren, um genau diese Unterscheidung zu machen: der erfahrene Körper steht im Zentrum – nicht der objektifizierte. Wenn der Körper von innen heraus erlebt wird, sind Körper und Geist keine getrennten Einheiten mehr. Sie sind eins.
Somatic Yoga verbindet diese Idee mit der Yogapraxis: Es geht nicht darum, eine Pose zu machen. Es geht darum zu spüren, was passiert – während du dich bewegst, atmost, in einer Haltung verweilst.
Die Pioniere: Wer hat Somatic Yoga geprägt?
Elsa Gindler – die deutsche Mutter der Somatik
Bevor wir über die modernen Pionierinnen sprechen, müssen wir eine Frau nennen, die oft vergessen wird – und ohne die vieles von dem, was wir heute Somatic Yoga nennen, nicht existieren würde.
Elsa Gindler (1885–1961) war eine Berliner Gymnastiклehrerin und die wohl bedeutendste deutsche Pionierin der somatischen Körperarbeit. Was sie „Arbeit am Menschen" nannte, war seiner Zeit weit voraus: Sie betonte die Selbstbeobachtung und das wachsende Verständnis für die eigene körperliche Befindlichkeit. Einfache Handlungen wie Sitzen, Stehen und Gehen wurden ebenso erforscht wie andere Alltagsbewegungen.
Was Gindler antrieb, war zutiefst persönlich: Sie heilte ihre eigene Tuberkulose durch bewusstes, differenziertes Atmen – und begann daraufhin, ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen. Ihre Arbeit wurde zur Grundlage der Körperpsychotherapie und beeinflusste Generation um Generation von Bewegungspädagoginnen, Therapeutinnen und Yogalehrerinnen – oft ohne dass diese es wussten.
„Ich bin eine eifrige Pionierin für die Körperbildung der Frau." – Elsa Gindler
Ihre Schülerinnen trugen ihr Wissen in die Welt – unter anderem ans Esalen Institute, das später zur Wiege der modernen Somatik-Bewegung wurde.
Bonnie Bainbridge Cohen – Body-Mind Centering®
Bonnie Bainbridge Cohen ist Bewegungskünstlerin, Forscherin, Pädagogin und Therapeutin. Sie ist die Entwicklerin des Body-Mind Centering® (BMC®) Ansatzes – und eine der Gründerinnen der International Somatic Movement Education and Therapy Association (ISMETA).
Body-Mind Centering® ist ein integrierter Ansatz zur transformativen Erfahrung durch Bewegungserziehung und Repatterning. Es ist eine experienzielle Studie, die auf der Verkörperung anatomischer, physiologischer, psychophysischer und entwicklungsbezogener Prinzipien basiert – und Bewegung, Berührung, Stimme und Bewusstsein nutzt.
Ihr berühmter Leitsatz: „Ich denke, dass alle mentalen Muster sich in Bewegung durch den Körper ausdrücken. Und dass alle körperlichen Bewegungsmuster einen Geist haben."
Ihre Bücher sind für meine eigene Ausbildung und Praxis eine der bedeutendsten Inspirationen.
Tara Judelle – Embodied Flow™
Tara Judelle entwickelte Embodied Flow™ – eine integrative Mischung aus Hatha Yoga, Somatics, Bewegungsmeditationen, tantrischer Philosophie und transpersonaler Psychologie. Embodied Flow zielt darauf ab, die Erfahrung zu wecken, in den Fluss zu treten – als Meditation in Bewegung. Es ist eine Schule des Yoga und der Bewegung, die Körper, Geist und Seele wieder verbindet. Eine sehr inspirierende Persönlichkeit mit einer grossartigen Community.
Liz Ehrenecker – Somatic Yin & ONA Flow im deutschsprachigen Raum
Liz Ehrenecker verbindet in ihrem Unterricht Somatics, Embodiment und Yin mit moderner Spiritualität, um Körper, Nervensystem und Emotionen wieder miteinander sprechen zu lassen. Sie ist eine der bekanntesten Stimmen für Somatic Yoga im deutschsprachigen Raum und war auch für die Yin Journey – die Ausbildung, die ich gemeinsam mit ihr anbiete – prägend. Ausserdem gibt es seit diesem Jahr eine 200h somatic Flow Ausbildung - ONA die ich von Herzen empfehlen kann.
Satu Tuomela
Satu Tuomela ist Lehrerin und Ausbilderin im Bereich Somatic Yin Yoga und hat massgeblich dazu beigetragen, somatische Prinzipien in die Yin Yoga Praxis zu integrieren. Ihre Arbeit verbindet tiefes Körperbewusstsein mit dem Nervensystem und emotionaler Intelligenz.
Die wissenschaftlichen Grundlagen
Somatic Yoga ist keine spirituelle Modeerscheinung. Es hat ein starkes wissenschaftliches Fundament.
Feldenkrais – Lernen durch Bewegung
Die Feldenkrais Methode gehört zu den somatischen Methoden und betont die innere körperliche Wahrnehmung und Erfahrung. Wissenschaftliche Übersichtsstudien belegen ihre Wirksamkeit bei Schmerzen des Bewegungsapparates, Beweglichkeit, Gleichgewicht, Körperwahrnehmung sowie allgemeiner Lebensqualität.
Moshé Feldenkrais entwickelte seine Methode auf Basis von Neurowissenschaften, Entwicklungspsychologie, Biomechanik, motorischem Lernen und Kybernetik. Was er früh über die Neuroplastizität schrieb, wurde später durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt.
Die Kernidee: Der Körper lernt. Immer. Und er kann umlernen – wenn wir ihm die richtigen Bedingungen geben.
Rolfing – die Sprache der Faszien
Rolfing Strukturelle Integration verbindet auf einzigartige Weise manuelle Faszienarbeit mit Bewegungspraktiken und richtet den Körper in 10 aufeinander aufbauenden Sitzungen systematisch in der Schwerkraft aus. Ein neues, fundiertes Verständnis für das Fasziengewebe – das erst kürzlich als unser reichstes Sinnesorgan für Körperwahrnehmung anerkannt wurde – unterstützt die Bedeutung dieser Methode.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass das Fasziennetz unser wichtigstes Sinnesorgan für Bewegung, Körperhaltung, Koordination und Körperwahrnehmung ist.
Für die Somatic Yoga Praxis ist das bedeutsam: Wenn wir langsam, bewusst und mit tiefer Aufmerksamkeit uns bewegen, sprechen wir direkt mit unserem Fasziennetz – und damit mit unserem tiefsten Wahrnehmungsorgan.
Peter Levine & Somatic Experiencing
Die Wirksamkeit von Somatic Experiencing nach Peter Levine wurde durch kontrolliert randomisierte Studien belegt. SE ist eine Form der Utilisation: die grundlegenden Ressourcen des Nervensystems werden aktiviert – insbesondere das Sicherheitsgefühl, die Selbstregulation und die Selbstwirksamkeit.
Levines Grundthese: Trauma sitzt nicht im Kopf. Es sitzt im Körper. Und es lässt sich nur durch den Körper lösen.
Die Polyvagal-Theorie – warum Sicherheit alles ist
Die Polyvagaltheorie, begründet von Stephen Porges, postuliert, dass der Zustand unseres Nervensystems unser Erleben, Fühlen, die Wahrnehmung, unser Denken und unsere autonomen, vegetativen Körperreaktionen beeinflusst. Somatic Experiencing und die Polyvagaltheorie liefern sich gegenseitig die passende theoretische Grundlage.
Für Somatic Yoga bedeutet das: Bevor sich der Körper öffnen, loslassen und heilen kann – muss er sich sicher fühlen. Das ist der Grund, warum Somatic Yoga nie fordernd, nie leistungsorientiert ist. Sicherheit ist die Voraussetzung für alles andere.
Was Somatic Yoga konkret anders macht
Klassisches Yoga fragt: Kommst du in die Pose?
Somatic Yoga fragt: Was spürst du in der Pose?
Das klingt wie ein kleiner Unterschied. Es ist ein riesiger.
In der somatischen Praxis:
– Bewegst du dich langsam. Nicht weil du schwach bist, sondern weil Langsamkeit die Wahrnehmung schärft. – Erforschst du, statt zu perfektionieren. Jede Bewegung ist eine Einladung, keine Anforderung. – Folgst du dem inneren Impuls. Was möchte sich bewegen? Was braucht Raum? – Regulierst du dein Nervensystem. Durch Atem, Tempo, Bewusstsein. – Verbindest du Körper, Geist und Emotion. Nicht als Konzept – als gelebte Erfahrung.
Bei Stress, Panik oder Überforderung verliert man oft das Gefühl für den eigenen Körper. Man fühlt sich abgetrennt. Somatic Yoga schafft den Weg zurück – zur eigenen Mitte, zur eigenen Empfindung, zum eigenen Rhythmus.
Somatic Yoga in meiner Praxis – und was es mit mir gemacht hat
Ich bin durch Somatic Yoga zu einer anderen Lehrerin geworden. Und zu einem anderen Menschen.
Nicht weil ich plötzlich beweglicher wurde oder spektakulärere Posen konnte. Sondern weil ich angefangen habe, meinem Körper zu vertrauen. Zu hören, wenn er etwas sagt. Zu folgen, wenn er eine Richtung zeigt.
Somatics und Embodiment zeigen zum ersten Mal, was es bedeutet, der eigenen Intuition zu vertrauen und ihr zu folgen. Das ist vielleicht das Schönste, was ich an dieser Praxis gefunden habe.
In meinen Klassen im Yoga Atelier Bern und auf YouTube bringe ich diese Qualität in jede Stunde: das Erforschen statt das Perfektionieren. Das Spüren statt das Analysieren. Den Körper als Lehrerin, nicht als Hindernis.
Für wen ist Somatic Yoga?
Für alle. Wirklich.
Für Menschen, die chronische Schmerzen haben. Für Menschen, die sich von ihrem Körper entfremdet fühlen. Für Menschen, die nach Jahren klassischem Yoga merken: Da ist noch mehr. Für Menschen, die Yoga zum ersten Mal ausprobieren. Für Yogalehrende, die tiefer unterrichten wollen.
Somatic Yoga braucht keine Voraussetzungen. Es braucht nur die Bereitschaft, hinzuhören.
Möchtest du tiefer eintauchen?
In meinen Kursen im Yoga Atelier Bern und auf YouTube findest du Somatic Yoga für zuhause, unterwegs und zwischendurch.
Und wenn du als Yogalehrerin tiefer in die somatische Praxis einsteigen möchtest: Die Yin Journey – 50h Somatic Yin Yoga Ausbildung in Bern – ist dein nächster Schritt. Vielleicht sehen wir uns im Dezember? Von Herz zu Herz. Joëlle ✺
Stundenplan: yogaatelierbern.ch YouTube: youtube.com/@jovayoga Yin Journey Ausbildung: jovayoga.ch/somaticyinausbildung Instagram: @jovayoga
Quellen & Inspiration: – Elsa Gindler, Arbeit am Menschen · Berlin 1885–1961 – Bonnie Bainbridge Cohen, Sensing, Feeling and Action, Contact Editions 2012 – Thomas Hanna, Bodies in Revolt, 1970 – Peter Levine, Sprache ohne Worte, Kösel Verlag – Tara Judelle, Embodied Flow™ · tarajudelle.com – Liz Ehrenecker, Liz Flows · liz-flows.com – European Rolfing Association · rolfing.org – Schweizerischer Feldenkrais Verband · feldenkrais.ch




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