Im Fluss mit meinen Gefühlen
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- vor 2 Tagen
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Meine persönliche Reise durch Burnout, Angst & Panik – und wie Yoga mich zurückgebracht hat
Von Joëlle von Arx · JOVAYoga

Es gibt Momente im Leben, die dich so vollständig aus der Bahn werfen, dass du danach nicht mehr dieselbe bist. Nicht weil etwas kaputt gegangen ist. Sondern weil sich etwas grundlegend verändert hat.
Vor sieben Jahren war ich an einem solchen Punkt.
Ich hatte lange funktioniert. Alles gehalten, alles geschafft. Und dann – von einem Moment auf den anderen – ging nichts mehr. Der Körper hatte entschieden, dass es genug war. Über Monate war ich einfach ausgeknipst. Kein Drama nach aussen. Aber innen: eine vollständige Erschöpfung, die ich bis dahin nicht für möglich gehalten hätte.
Was ich damals noch nicht wusste: Das war der Anfang von etwas.
Warum ich darüber schreibe
Wir leben in einer zunehmend ausgebrannten Welt. Burnout, Angst, Panik – das sind keine Randthemen mehr. Sie sind gesellschaftliche Realität. Und trotzdem wird viel zu selten offen darüber gesprochen.
Ich schreibe darüber, weil ich glaube, dass meine eigene Erfahrung vielleicht jemandem hilft. Nicht als Ratgeberin. Nicht als Expertin. Sondern als Mensch, der denselben Weg gegangen ist – und der dabei gelernt hat, dass Heilung möglich ist. Dass man nicht für immer dort bleiben muss, wo man gerade ist.
Dieser Beitrag ist meiner Projektarbeit gewidmet, die ich im September 2023 an der TAPAS YOGA Ausbildungsschule eingereicht habe. Vier Jahre Ausbildung. Vier Jahre persönliche Arbeit. Und der Versuch, all das in Worte zu fassen.
Was Gefühle mit Burnout zu tun haben
Gefühle haben eine Funktion. Sie sind unser innerer Kompass – sie geben uns Informationen darüber, wie wir eine Situation bewerten, was wir brauchen, wohin wir uns bewegen sollen.
Aber wir haben verlernt, ihnen zuzuhören.
Gefühle zu unterdrücken gehört zur Norm. Es gilt als Stärke, nicht zu zeigen, was einen bewegt. Als professionell, Emotionen aus dem Weg zu räumen. Und das funktioniert – eine Zeit lang. Aber die Rechnung kommt. Immer.
Unterdrückte Gefühle brechen irgendwann explosionsartig aus. Oder sie führen, wenn sie lange genug ignoriert werden, zu Krankheiten. Zu Erschöpfung. Zu dem, was wir Burnout nennen.
Bei mir war es der totale Kollaps. Körper und Psyche zogen die Notbremse. Und plötzlich war da kein Weiterfunktionieren mehr möglich.
Die fünf Kleshas – oder: was uns wirklich ausbrennt
In der Yogaphilosophie gibt es ein Konzept, das mich in dieser Zeit sehr beschäftigt hat: die fünf Kleshas. Es sind unsere inneren Störprogramme – tiefsitzende Denkmuster und Glaubenssätze, die uns davon abhalten, unser volles Potential zu entfalten.
Avidya – die Unwissenheit. Das Fehlen von Weisheit und Selbsterkenntnis. Asmita – Ich-bezogenheit. Das Festhalten an einem Bild von uns selbst. Raga – Anhaftung. Das Klammern an das, was war oder sein soll. Dvesha – Abneigung. Das Wegschieben von dem, was unangenehm ist. Abhinivesha – die tiefe Angst. Die Lebensgier, die sich manchmal als Todesfurcht zeigt.
Als ich diese Konzepte kennenlernte, erkannte ich mich darin. Die Unwissenheit darüber, was mir wirklich wichtig war. Die Anhaftung an ein Bild von mir, das längst nicht mehr stimmte. Die Vermeidung von allem, was sich schwierig anfühlte.
Burnout ist selten nur Erschöpfung. Oft ist es auch eine tiefe Identitätsfrage. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr funktioniere?
Was mir geholfen hat – ehrlich und konkret
Der Weg zurück war nicht linear. Und er war nicht schnell. Aber er war möglich.
Drei wunderbare Frauen haben mich therapeutisch durch diese Zeit begleitet – durch Homöopathie, TCM mit traumasensiblem Coaching und Shiatsu. Ich habe gelernt, was es bedeutet, um Hilfe zu bitten. Das war für mich eine der grössten Lektionen überhaupt: Schwäche zuzugeben ist keine Niederlage. Es ist der mutigste Schritt, den man machen kann.
Und dann war da Yoga.
Yoga hat mir in den letzten sieben Jahren das zurückgegeben, was ich verloren hatte: die Verbindung zu mir selbst. Zu meinem Körper. Zu meinen Gefühlen.
Pranayama – die bewusste Arbeit mit dem Atem – hat mir geholfen, mein Nervensystem zu regulieren. In Momenten der Panik ist der Atem das erste, was sich verändert. Und er ist auch das erste, worüber wir wieder Kontrolle gewinnen können.
Meditation hat mir geholfen, zu beobachten – ohne sofort zu reagieren. Den Gedankenstrom zu sehen, ohne von ihm mitgerissen zu werden.
Somatics habt mir gezeigt, dass der Körper alles gespeichert hat. Jede Überforderung, jede unterdrückte Emotion, jede ignorierte Grenze. Und dass Heilung nicht im Kopf beginnt – sondern im Körper.
Traumasensibles Yoga – warum es einen Unterschied macht
Bei Stress, Panik oder Burnout verliert man oft das Gefühl für den eigenen Körper. Man fühlt sich abgetrennt – von sich selbst, von anderen, von dem, was um einen herum passiert.
Im traumasensiblen Unterricht steht genau das im Zentrum: die Verbindung zu sich selbst wiederherstellen. Die eigenen Grenzen wieder spüren. Den Körper als sicheren Ort erfahren – vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit.
Das ist es, was ich heute in meinen Stunden weitergebe. Nicht als Therapeutin. Aber als Lehrerin, die denselben Weg gegangen ist.
Wie es so schön heisst: Um hilfreich zu sein, verlangt Yoga nur, dass wir es ernst meinen. Es gibt keine Voraussetzung – nur eine Forderung: Man muss es tun.
Fragen, die mich begleitet haben
Am Ende meiner Projektarbeit habe ich drei Fragen formuliert, die mich in den letzten Jahren immer wieder neu beschäftigt haben. Ich gebe sie dir mit:
Wer bin ich – jetzt gerade? Und wer war ich in der Vergangenheit?
Was sind meine Wünsche, Träume und Ziele – gerade jetzt und in der Zukunft?
Was kann ich im Hier und Jetzt tun, um auf meine Zukunft einzuwirken – mit meinen Erfahrungen aus meiner Vergangenheit?
Es sind keine Fragen, die man einmal beantwortet und dann abhakt. Sie sind Begleiter. Einladungen zur Selbstreflexion, die sich je nach Lebensphase neu anfühlen.
Was ich heute weiss
Burnout ist nicht das Ende. Er ist eine Einladung – auch wenn er sich im Moment überhaupt nicht so anfühlt.
Eine Einladung, hinzuschauen. Was hat mich hierher gebracht? Was darf sich verändern? Was brauche ich wirklich?
Wahre Freiheit – das hat mir Kim Sternemann mitgegeben – ist der Zustand emotionaler Ausgeglichenheit. Nicht die Abwesenheit von Gefühlen. Sondern die Fähigkeit, mit ihnen im Fluss zu bleiben.
Genau das ist mein Ziel – für mich selbst und für alle, die ich begleiten darf.
Wenn dieser Beitrag dich angesprochen hat – ich freue mich über eine Nachricht. Oder komm in eine meiner Stunden im Yoga Atelier Bern. Manchmal ist der erste Schritt einfach: ankommen.
Joëlle
Stundenplan: yogaatelierbern.ch YouTube: youtube.com/@jovayoga Instagram: @jovayoga Newsletter: jovayoga.ch
Dieser Beitrag basiert auf meiner Projektarbeit „Im Fluss mit meinen Gefühlen", eingereicht an der TAPAS YOGA Ausbildungsschule, September 2023.




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