Die unromantischen Wahrheiten der Selbstständigkeit
Von Joëlle von Arx · JOVAYoga

Eine Freundin aus Brasilien hat mich neulich darauf angesprochen. Auf mein Leben als selbstständige Yogalehrerin – die Studios, die Retreats, die Freiheit. Und ich habe gemerkt: Man stellt sich das oft schöner vor, als es ist. Nicht weil es nicht schön wäre. Sondern weil das Schöne fast nie der Teil ist, der auf einem Bild landet.
Also hier, ungefiltert. Die Wahrheiten, die niemand postet.
Die Zahlen, die keiner zeigt
Mein erstes Studio habe ich mit minus 10'000 aufgebaut. Und mit null wieder verlassen. Für mein zweites nahm ich 20'000 Franken Darlehen auf. Die letzten sieben Jahre habe ich mir zwischen 2500 und 3000 Franken im Monat ausbezahlt. Nicht viel – in mancher Branche wäre das ein Praktikumslohn.
Und trotzdem, oder gerade deshalb, ist das für mich die eigentliche Leistung: sich konstant Lohn auszuzahlen, auch wenn er klein ist. Man stellt sich Selbstständigkeit gern als einen mutigen Sprung vor. In Wahrheit ist sie 2500 Franken, Monat für Monat, jahrelang, ohne dass jemand klatscht. Konstanz unter Unsicherheit ist schwerer als der eine grosse Wurf.
Und versteh mich nicht falsch: Das ist kein Ruf nach Mitleid. 2500 bis 3000 Franken im Monat sind nichts, wofür man bedauert werden muss – sie sind etwas, das gewürdigt werden darf. Denn hinter jedem einzelnen dieser Franken steht ein Mensch, der sich entschieden hat. Für mich. Für meine Stunden, für mein Studio, für das, was ich als Kochnomadin auf den Tisch bringe. Ende Monat einen Lohn auszahlen zu können heisst: Menschen haben immer wieder ja gesagt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist Vertrauen, das man sich verdient – und das man sehen darf.
Ich teile das nicht, um Mitgefühl zu ernten. Ich teile es, weil es ehrlich ist: Der Aufbau jedes Business ist hart. In jeder Branche. Und auch das darf gesagt sein.
Selbstbestimmung ist nicht gratis
„Du musst mehr Umsatz machen", höre ich oft. Über hunderttausend, als Einzelfirma. Aber Umsatz ist eine Bruttozahl – und viele reden über Brutto, als wäre es Freiheit. Leben tust du von netto. Und von deiner Energie. Mehr Umsatz auf demselben Modell macht es nicht leichter; es ist nur eine grössere Version derselben Erschöpfung, mit mehr Administration, mehr Fixkosten, mehr Stunden, die nicht auf der Matte stattfinden. Jede Zahl mit einem grösseren Umsatz hat einen Rattenschwanz, den man einkalkulieren muss.
Yoga ist ohnehin nicht die Branche, in der man das grosse Geld macht. Aber geht es wirklich darum?
Ich habe mich anders entschieden. Und ja – meine Selbstbestimmung ist mit dem tiefen Lohn bezahlt. Das ist kein Widerspruch, das ist der Deal. Ich habe Geld gegen Autonomie getauscht. Mit offenen Augen. Das macht die Entscheidung nicht kleiner, sondern ehrlicher.
Die härteste Schule
Was man auch nicht vergessen darf: Selbstständigkeit ist eine wahnsinnige Persönlichkeitsentwicklung. Vielleicht die härteste, die ich kenne. Es braucht Biss. Es braucht Durchhaltewillen. Es gibt Momente, in denen du zweifelst – ob der Weg richtig war, ob die Schulden sich lohnen, ob du es hältst.
Und jede Extrameile zahlt sich aus, wenn du sie in dich investierst. Nicht in eine Zahl. In dich.
Wessen Stimme zählt
Viele werden dir sagen, wie du es machen sollst. Wachse schneller. Skaliere. Schulden lohnen sich. Nimm diese Ausbildung, jene nicht. Hör zu – und dann entscheide selbst. Denn schlafen musst am Ende du mit deinen Entscheidungen. Nicht die, die sie dir geben.
Das Feine daran: Hol dir Hilfe, wo du sie brauchst. Und lass dir trotzdem nie von Fremden reingrätschen. Das ist kein Widerspruch, das ist die eigentliche Kunst – unterscheiden zu können, wessen Rat du brauchst und wessen du getrost überhörst. Nicht taub für alle. Aber die Herrin über den eigenen Entscheid.
Heute weiss ich
Es war genau richtig. Nicht weil es leicht war. Sondern weil Selbstbestimmtheit für mich mehr wiegt als eine grössere Zahl auf der Abrechnung. Weil ich mit meinen Entscheidungen schlafen kann.
Mach das, was du das Gefühl hast, dass es richtig ist. Hol dir Hilfe, wenn nötig. Und vor allem: Mach es so, wie du denkst.
Spüren statt Leisten. Auch im Unternehmertum.
Von Herz zu Herz,
Joëlle




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