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Halten und Loslassen

Was Hatha Yoga und Somatik einander schenken – eine Reflexion nach einer Stunde bei Stephen Thomas.


Von Joëlle von Arx · JOVAYoga



Diese Woche durfte ich wieder einmal eintauchen in eine klassische Hatha-Stunde – bei Stephen Thomas, einem grossartigen Lehrer hier in Bern. Fokus ganz klar auf Alignment, auf Ausrichtung. Und ich habe mit einer gewissen Ehrfurcht gesehen, wie viel Tonus, wie viel wache Präsenz er in seinem Körper trägt – und die Praktizierenden um mich herum ebenso. Es ist ein Geschenk, sich für eine Weile einer solchen Klasse zu überlassen. Den Körper auf eine ganz andere Art zu spüren: präzise, aufgerichtet, gehalten.


Und weil es mir wichtig ist, möchte ich es gleich zu Beginn sagen: Was hier geschieht, ist keine leere Leistungsschau. Es braucht Ausdauer, um in einer Haltung zu bleiben, bis sie sich von innen zu erzählen beginnt. Es braucht Disziplin, um diesen Körper wirklich bewusst wahrzunehmen, statt ihm auszuweichen. Diese Ausdauer und diese Disziplin sind selbst ein Weg zum Spüren – nicht sein Gegenteil. Wer je lange in einer Standhaltung war, kennt den Moment, in dem das Halten aufhört, Leistung zu sein, und zu Lauschen wird. Das ist eine grosse Kunst, und sie verdient Respekt.


Ich glaube auch nicht, dass es Zufall ist, dass uns das Stählerne anzieht. In einer Gesellschaft, die so stark auf Leistung ausgerichtet ist, suchen wir Kraft, Form und Kontrolle immer wieder auf – auch auf der Matte. Das hat eine Schattenseite, ja. Aber es hat auch echte Nahrung: In der Form, im Halten, im bewussten Sich-Ausrichten liegt eine Würde, die uns aufrichtet, im Körper wie im Leben.


Nach der Stunde liess mich trotzdem eine Frage nicht los: Wann eigentlich hat sich eine so stählerne Yogapraxis etabliert? Klassisches Hatha, Iyengar, Ashtanga – all das fühlt sich uralt an, als reichte es Jahrtausende zurück.


Als gut ausgebildete Yogalehrerin ist mir längst vertraut, was viele überrascht, die es zum ersten Mal hören – und genau darum teile ich es hier: Das vermeintlich Uralte ist erstaunlich jung. Ich schreibe das nicht, um etwas abzuwerten, sondern weil dieses Wissen die Praxis lebendiger und ehrlicher macht. Die athletische, alignmentbetonte Praxis, die wir heute als «klassisch» empfinden, formt sich erst im frühen bis mittleren 20. Jahrhundert. Fast alle diese Linien laufen bei einer Person zusammen – Tirumalai Krishnamacharya, der ab den 1930er-Jahren im Palast von Mysore unterrichtete. Sowohl B. K. S. Iyengar als auch K. Pattabhi Jois, der Begründer des Ashtanga, lernten bei ihm. Die mittelalterlichen Hatha-Texte dagegen, die Hatha Yoga Pradipika aus dem 15. Jahrhundert und ihre Verwandten, kennen nur eine Handvoll Asanas – meist Sitzhaltungen. Der Yogaforscher Mark Singleton hat gezeigt, wie stark das moderne Übungsyoga die Körperkultur seiner Zeit in sich aufnahm: Gymnastik, Fitnessbewegung, die kräftigenden Systeme der Jahrhundertwende. Das Stählerne ist also nicht die zeitlose Essenz des Yoga, sondern eine junge, kraftvolle Schicht – und das macht sie nicht weniger wertvoll, nur menschlicher und lebendiger.


Und die Somatik? Auch sie ist eine Bewegung des 20. Jahrhunderts – Feldenkrais, Alexander, die Arbeit von Thomas Hanna, der 1976 den Begriff «Somatics» überhaupt erst prägte, das Body-Mind Centering von Bonnie Bainbridge Cohen. Hanna unterschied das Soma, den lebendigen Leib, wie er von innen erfahren wird, vom Körper, den man von aussen betrachtet wie ein Objekt. Er beschrieb die sensomotorische Amnesie: Muskeln, die so lange gehalten haben, dass wir vergessen haben, dass wir sie je loslassen konnten. Die Antwort darauf ist nicht Kämpfen, sondern dem Nervensystem das Loslassen wieder ins Bewusstsein zu holen. Das ist ein eigenes, feines Können – das Können des Lauschens.


Modernes Übungsyoga und Somatik sind damit weniger Ahnin und Nachfahrin als Zeitgenossinnen. Zwei Häuser, jedes mit einem echten Schatz. Das Hatha schenkt Ausdauer, Struktur, die Fähigkeit, wach in der Form zu bleiben. Die Somatik schenkt das Lauschen, die Weichheit, die Kunst des Loslassens. Und ich glaube, keines von beiden ist dem anderen überlegen.


Über die Jahre habe ich aber etwas beobachtet, das mich ehrlich beschäftigt. Wir Menschen neigen dazu, genau die Praxis zu suchen, die uns spiegelt. Wer ohnehin schon gestählt ist, viel hält, viel kann, findet sich im klassischen Hatha sofort zu Hause – und läuft Gefahr, den Panzer weiter zu festigen, den er eigentlich mildern dürfte. Und wer weich ist, dem Fühlen zugewandt, findet sich in der Somatik zu Hause – und läuft Gefahr, in einer Weichheit zu versinken, der die Struktur fehlt. Ohne die Ausdauer und Disziplin des Hatha kann somatisches Arbeiten ins Formlose kippen, in ein wenig Verweichlichung, wo das Lauschen nie in Fähigkeit übersetzt wird. Und ohne das innere Lauschen der Somatik kann Hatha zur Rüstung werden, die Rüstung verstärkt – Form ohne Fühlen.


Das Heilsame liegt darum oft nicht in dem, was uns bestätigt, sondern in dem, was uns ergänzt. Der starke, disziplinierte Körper, der lernt, sich zu öffnen. Der weiche, lauschende Körper, der lernt, Form zu halten und dranzubleiben. Hatha und Somatik sind für mich keine Rivalinnen, sondern zwei Hände. Die eine hält, die andere lässt los. Erst zusammen können sie tragen.


So habe ich es diese Woche erlebt. Mitten in der wachen, kraftvollen Klasse bin ich meinem Panzer begegnet und der Wächterin des Tonus, die ihn bewacht. Und daneben – und das war das eigentliche Geschenk – durfte ich meine Weichheit einladen. Nicht statt des Tonus, sondern neben ihm. Denn der Panzer und die Wächterin sind nicht die Feinde der Weichheit. Sie sind ihre Türhüterinnen. Wer klopft statt einbricht, darf hindurch.


Für mich heisst das: spüren statt leisten – aber verstanden als Versöhnung, nicht als Gegensatz. Die Disziplin darf dem Spüren dienen, und das Spüren darf sich Struktur schenken lassen. Vielleicht ist das die eigentliche Einladung: Raum nehmen für beides. Für das Starke und das Weiche in uns. Und dankbar sein für Lehrer wie Stephen Thomas, die uns die eine Seite so klar vorleben, dass wir die andere in uns umso deutlicher spüren.


Wenn dich dieses Zusammenspiel von Halten und Loslassen berührt: Genau darum geht es in der Yin Journey – 50h Somatic Yin Teacher Training, die ich im Dezember 2026 gemeinsam mit Liz Ehrenecker leite. Somatisches Yin verwebt die beiden Hände dieses Textes – die haltende Struktur und das lauschende Loslassen – zu einer eigenen Praxis. Eine Einladung an alle, die tiefer eintauchen und diese Verbindung auch weitergeben möchten. (50 Stunden, Yoga-Alliance-anerkannt / YACEP.)


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